Selank – Struktur, Mechanismen und Studienlage
Was über das Tuftsin-Analogon Selank publiziert ist, welche Mechanismen untersucht wurden und wie die Befunde einzuordnen sind. Mit PubMed-Belegen zu jeder Aussage.
Hinweis: Dieser Beitrag fasst publizierte Forschung zusammen. Er ist keine Anwendungsempfehlung und keine medizinische Information. Unsere Produkte sind ausschließlich für Forschungs- und Laborzwecke bestimmt.
Kurzprofil
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Sequenz | Thr-Lys-Pro-Arg-Pro-Gly-Pro (TKPRPGP) |
| Summenformel | C₃₃H₅₇N₁₁O₉ |
| Molare Masse | 751,9 g/mol |
| CAS-Nummer | 129954-34-3 |
| Herkunft | Institut für Molekulargenetik, Russische Akademie der Wissenschaften |
| Status | In Russland als Arzneimittel registriert; in der EU nicht zugelassen |
Struktur
Die ersten vier Aminosäuren von Selank bilden Tuftsin (Thr-Lys-Pro-Arg), ein Tetrapeptid, das aus der schweren Kette von Immunglobulin G freigesetzt wird und seit den 1970er-Jahren als Immunmodulator untersucht wird. Tuftsin und zahlreiche Analoga fasst eine Übersichtsarbeit zusammen (PMID 28745220). Wie bei Semax ist das Tripeptid Pro-Gly-Pro angehängt, das die Stabilität gegenüber Peptidasen erhöhen soll.
Untersuchte Mechanismen
GABAerges System
Zwei Arbeitsrichtungen stützen die Hypothese einer Modulation des GABA-Systems. Erstens veränderte Selank im frontalen Kortex von Ratten nach einer Stunde die Expression von 45 der 84 untersuchten Gene der Neurotransmission, nach drei Stunden noch von 22. Die Veränderungen korrelierten mit denen nach GABA-Gabe (PMID 26924987). Zweitens verhielt sich Selank in Radioligand-Versuchen an Hirnmembranen wie ein positiver allosterischer Modulator der [³H]GABA-Bindung. Die gemeinsame Wirkung mit Benzodiazepinen war nicht additiv (PMID 30255741).
Enkephalinabbau
Selank hemmte die Hydrolyse von Enkephalinen im Plasma dosisabhängig (IC50 ≈ 15 µM) und damit stärker als Bacitracin und Puromycin. Dieselbe Arbeit berichtet über eine verkürzte Enkephalin-Halbwertszeit im Blut von Patienten mit generalisierter Angststörung (PMID 11550013).
BDNF und Immungene
In Ratten regulierte Selank die BDNF-Expression im Hippocampus (PMID 18841804). In der Milz von Mäusen veränderten Selank und sein Fragment Gly-Pro die Expression entzündungsassoziierter Gene wie C3 und Casp1 in weitgehend übereinstimmender Weise (PMID 24291245).
Verhaltensmodelle
In Stressmodellen an Ratten und Mäusen unterschiedlicher emotionaler Reaktivität wurden Selank und zehn weitere Tuftsin-Analoga verglichen; die Autoren berichten strukturabhängige Unterschiede (PMID 14969422).
Klinische Literatur richtig einordnen
Klinische Arbeiten betreffen das in Russland registrierte Arzneimittel. Eine russischsprachige Studie verglich es an 60 Patienten mit Angst- und somatoformen Störungen mit Phenazepam (PMID 25176261). Eine fMRT-Studie an 52 gesunden Teilnehmenden verglich Selank, Semax und Placebo hinsichtlich der Konnektivität der Amygdala (PMID 32342318). Anwendungsempfehlungen lassen sich aus diesen Arbeiten nicht ableiten.
Grenzen der Datenlage
- Wenige Quellen. Die Publikationen stammen überwiegend aus einem kleinen Kreis russischer Institute. Unabhängige Replikationen fehlen weitgehend.
- Expressionsdaten. Viele Befunde beruhen auf mRNA-Messungen zu wenigen Zeitpunkten. Funktionelle Konsequenzen sind daraus nur begrenzt ableitbar.
- Fragmente. Selank wird enzymatisch zu kürzeren Peptiden abgebaut, die teils ähnliche Expressionsmuster zeigen. Welche Befunde auf das intakte Peptid zurückgehen, ist offen.
- Sprache und Zugang. Viele Originalarbeiten erschienen auf Russisch.
Physikochemisches Verhalten im Labor
Mit Lysin und Arginin trägt Selank zwei stark basische Seitenketten; bei neutralem pH ist die Nettoladung deutlich positiv. Daraus folgt: sehr gute Wasserlöslichkeit, eine gewisse Adsorptionsneigung an negativ geladenen Glasoberflächen und eine frühere Elution in der Umkehrphasen-HPLC als beim saureren Semax.
Oxidationsempfindliche Reste fehlen der Sequenz: kein Methionin, kein Cystein, kein Tryptophan. Selank ist damit chemisch robuster als Semax; der begrenzende Faktor ist hier der enzymatische Abbau, nicht die Oxidation (siehe Lagerung und Stabilität).
Abbau zu Gly-Pro
Ein Befund ist für die Interpretation besonders wichtig: Selank wird enzymatisch zu kürzeren Fragmenten abgebaut, darunter Gly-Pro. In der Milz von Mäusen veränderten Selank und Gly-Pro entzündungsassoziierte Gene weitgehend übereinstimmend (PMID 24291245). In biologischen Medien misst man also womöglich nicht nur das intakte Heptapeptid, sondern auch seine Abbauprodukte.
Wer diesen Beitrag trennen will, braucht analytische Begleitung oder ein peptidasearmes System. Die N-acetylierte Form ist gegenüber Aminopeptidasen stabiler.
Hinweise für die Versuchsplanung
- Äquimolar rechnen. 1 mg Selank entspricht 1,33 µmol. Im Vergleich mit Semax (1,23 µmol/mg) bedeutet gleiche Einwaage rund 8 % mehr Stoffmenge. Der Rekonstitutionsrechner nimmt die Umrechnung ab.
- Eine Charge je Versuchsreihe, damit Chargenschwankungen nicht als Substanzeffekt erscheinen (Mengenrabatt ab drei Vials).
- Lösungsmittel als Kontrolle führen. Enthält die Stammlösung bakteriostatisches Wasser, gehört Benzylalkohol in die Kontrollbedingung.
- Gehalt aus dem Zertifikat. Für exakte molare Ansätze zählt der Nettopeptidgehalt laut Analysezertifikat, nicht die Nennmenge auf dem Etikett.
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Die Unterschiede zu Semax zeigt Semax vs. Selank. Die acetylierte Form erklärt N-Acetylierung und Amidierung. Im Sortiment stehen Selank und N-Acetyl Selank.